Aus: Sieglinde Katharina Rosenberger und Gilg Seeber: Kopf an Kopf. Meinungsforschung im Medienwahlkampf. Wien: Czernin Verlag 2003.



I. "KOPF AN KOPF". EINE DISKURSIVE DRAMATURGIE

Politik ist nicht mehr länger (nur) Theater, in Wahlkampfzeiten mutiert sie zum sportlichen Großereignis. Umfragen und öffentliche Meinung spielen bei der Vermittlung, die einer Sportreportage zum Verwechseln ähnlich ist, eine entscheidende Rolle. In den Hintergrund gerät, dass es sich bei diesem „Spiel“ um Wahlen und um Demokratie, um Macht und um Herrschaft handelt.

Wahlen und Information (Öffentlichkeit) sind Grundbedingungen eines liberal-demokratischen Verfassungsstaates. StaatsbürgerInnen nehmen an der Gestaltung der gemeinsamen Angelegenheiten, der Politik also, primär dadurch teil, dass sie Personen und Parteien, die stellvertretend für eine limitierte Zeit politische Entscheidungen treffen, auswählen. Wahlen sind die Mechanismen, die politische Machtzuweisung organisieren und demokratisch legitimieren. Fundierte politische Informationen über Inhalte, Programme und Personen sind eine Bedingung für die Möglichkeit dieser Form der politischen Beteiligung bzw. um begründete Entscheidungen treffen zu können. Gleicher Zugang zu Informationen ist ebenso Grundbedingung für Demokratie wie die Bereitstellung von Informationen durch die politischen Eliten (vgl. Sarcinelli/Geisler 2002).

Relativ ungeachtet dieser demokratiepolitischen Bedeutung und Ernsthaftigkeit wird der eigentliche Kampf um die Machtzuteilung, der Wahlkampf, als sportiver Wettkampf inszeniert. Diese Dramatisierung der Wahlkampfkommunikation gelingt, in dem Politik mit Sport analogisiert wird und PolitikerInnen als KämpferInnen in einer Wettkampfarena semantisch symbolisiert werden. Diese Arena heißt, je nach national-kultureller Vorliebe: Boxring, Fußballplatz, Rennbahn. Die Konkurrenz der KämpferInnen wird als stark und fair zugleich dargestellt, die Abstände zwischen GewinnerInnen und VerliererInnen erscheinen als äußerst knapp. Dieser Wahrnehmungs- und Deutungsrahmen von Politik verspricht Spannung und Unterhaltung, Emotion und Bewegung. Die mediale Ästhetik der Bilder und Sprache erzeugt Aufmerksamkeit und orientiert sich an den Bedürfnissen der Spaß- und Erlebnisgesellschaft (Berg 2002; Machnig 2002).

Zentrale Akteure dieser rhetorischen Dramatisierung sind Medien und Meinungsforschungsinstitute. Publizierte Umfragen sind wesentlicher Bestandteil der Wahlkampfkommunikation, sie sind Motor der Dynamik. Eine Zahl zur Illustration: Im US-Präsidentschaftswahlkampf 2000 erfolgte mehr als 70 Prozent der gesamten Wahlberichterstattung auf der Grundlage bzw. mit Bezug auf Umfragen (McDermott/Frankovic 2003). Interessant dabei erscheint im Wesentlichen nur eine einzige Frage zu sein – die Sonntagsfrage: Wer liegt vorne, wer ist zurückgefallen? In den USA wird die umfrage-gestützte, mediale Berichterstattung über Wahlumfragen und den prospektiven Wahlausgang als horse race-Journalismus bezeichnet – PolitikerInnen absolvieren ein Wettrennen, die Medien haben dieses am liebsten mit knappen Abständen und wechselnden Siegerbildern (Schoen 2002, 171).

Die europäischen Wahlkämpfe hat die Amerikanisierung – gemeint ist der Showcharakter – längst erfasst – und zwar relativ unabhängig von der konkreten Ausgestaltung der politischen Systeme (z.B. Mehrheits- oder Verhältnsiwahlrecht). In den letzten Jahren war Kopf an Kopf der vorherrschende Deutungsrahmen der Wahlkämpfe zu den Parlamentswahlen in Schweden (September 2002), in Deutschland (September 2002), in Österreich (November 2002) und in den Niederlanden (Jänner 2003). In den Wahlergebnissen hat sich das „Kopf an Kopf“ jedoch lediglich in Deutschland abgebildet. In allen anderen Ländern waren die tatsächlichen Ergebnisse doch eindeutig. Kopf an Kopf war ex post gesehen eine Fehlprognose.

Auch Fehlprognosen sind wirklichkeitsstiftend. Kopf an Kopf, hergestellt durch Umfragen und vermittelt über Medien, deutet und konstruiert Politik und wird so zur „Wirklichkeit“.


I.1 UMFRAGEN, RANKING, WETTRENNEN

Umfragen erlauben Rankings. Diese sind zu einem wesentlichen Kommunikationsbestandteil des gesellschaftlichen, beruflichen und politischen Lebens geworden. Schulen und Bildungssysteme werden ebenso wie Zeitungen und Staaten „gerankt“. Mit dieser reihenden Aufbereitung kann Information und Wissen verbunden sein, primär geht damit aber Legitimation und Akzeptanz bzw. Nicht-Akzeptanz einher. Denn wer mit einem „guten“ Platz argumentieren kann, ist weit gehend außer Streit gestellt.

Die Umfrage- und Rankingeuphorie hat auch die Politik voll erfasst. Politische Umfragen dominieren die Wahlkampfberichterstattung. Sie produzieren Stimmungen, die als öffentliche Meinung gewertet werden, und verweisen Parteien, Personen und Lager auf die Plätze. Auf der Referenzgrundlage öffentliche Meinung wird von Meinungsforschung und Medien die Politikdarstellung und -vermittlung dominiert. Public opinion ist die Zutat, mit der Medien kochen und in der Folge eine – häufig dementierte – Akteursrolle im politischen Prozess einnehmen. Publizierte Umfragen sind längst nicht mehr nur Instrumente, um einen Zustand oder einen Verlauf aufzuzeigen, sie sind Teil des Wahlkampfinstrumentariums (Brettschneider 1997)

Ein Kommunikationszirkel wird in Gang gesetzt, bei dem Meinungsforschung und Medien Hauptakteure sind. Die politischen Parteien richten an dieser Kommunikationsspirale ihre Strategien, vor allem Personen und weniger Themen aus; die BürgerInnen eines demokratischen Raumes diskutieren über die veröffentlichte Meinung und bilden sich im Wissen um diese ihre Meinung und treffen in der Folge Entscheidungen über Macht und Herrschaft.

Umfragen können Informationen über die Chancen der KandidatInnen, der Parteien und über Koalitionsvarianten liefern. Strategisches Wählen wird durch diese Informationen überhaupt erst möglich. Auf der anderen Seite geht mit der Umfrageberichterstattung eine Verkürzung und Verengung der politischen Information einher. Berichtet wird in erster Linie darüber, was relativ einfach er- bzw. abfragbar ist. Da Themen und Inhalte kaum Aufmerksamkeit generieren, werden eben mit großer Vorliebe Politiker als Boxer, Elfmeter-Schießer oder Rennläufer dargestellt. Die Umfrageberichterstattung forciert den neugierigen Blick auf die Köpfe, unterstreicht die Personalisierung. Kopf an Kopf bringt z usätzliches Tempo auch in die Veränderung der printmedialen V ermittlung des Politischen.


I.2 KOPF AN KOPF ALS VERDICHTETE REDE

MeinungsforscherInnen erklären (in) der Öffentlichkeit, wer vor wem wie weit und vielleicht auch warum wo liegt. Sie generieren „Wissen“ über den Verlauf des Wahlkampfes, über Trends und Wahlchancen. Dieses Wissen ist – und dies wollen wir in den nächsten Kapiteln nachweisen – diskursive Konstruktion, d.h. sie ist nicht „wirklich“ und wird doch „Wirklichkeit“.

Kopf an Kopf ist die rhetorische Zuspitzung eines personalisierten Präsentationsstils und signalisiert Bewegung. Als Kunstfigur suggeriert sie Bewegungen in Stimmungen und Einstellungen sowie im Ranking von Parteien und KandidatInnen. Folglich „macht“ sie Bewegungen. Horse race ist eine hochdramatisierte Konstruktion von Wahlkämpfen.

In dieser Konstruktion spielt die Idee öffentliche Meinung eine legitimierende Rolle. Von den Produzenten selbst – Meinungsforschung, die erhebt, und Medien, die berichten – wird öffentliche Meinung als Ergebnis eines Befragungsprozesses dargestellt. Niklas Luhmann weist aber darauf hin, dass öffentliche Meinung weniger als Ereignis, sondern mehr als „thematische Struktur öffentlicher Kommunikation“ (1970, 3) zu sehen ist. Max Kaase (1998, 33) definiert öffentliche Meinung als „Resultat fortlaufender öffentlicher Kommunikation“. Pierre Bourdieu (1993) nähert sich der öffentlichen Meinung als Konstruktion. Das öffentliche Meinungsklima sei aufgrund der impliziten Annahmen immer Artefakt – etwas, was es nicht gibt – und nicht Ergebnis von Forschung. Denn eine problematische Annahme sei es, davon auszugehen, dass jeder Mensch eine Meinung habe, dass diese kongruent geäußert werden könne und dass alle diese Meinungen gleich mächtig wären. Wichtig sei deshalb, die Bedeutung der öffentlichen Meinung als Diskurs zur Legitimation und Reproduktion von Machtbeziehungen zu reflektieren.

Abschließend noch eine konzeptionelle Präzisierung des Begriffes Diskurs. Diskurse gelten als geplante, organisierte, geordnete Diskussionsprozesse von öffentlichem Belang. Sie implizieren einen Streit um Bedeutungen. Der Kampf um politische Macht und um staatliches Handeln sei, so Reiner Keller et al. (2001, 7) in immer stärkerem Maß ein Kampf um Deutungsmacht und um handlungspraktische Durchsetzung. Diskurse – in unserm Falle die Umfrage-Rede – sind nicht angelegt, um Realität zu beschreiben oder abzubilden, auch wenn dies die involvierten Akteure behaupten, sondern sie definieren und konstruieren Realität (zur Rahmenanalyse politischer Kommunikation vgl. Donati 2001, 165).

Der Nationalratswahlkampf 2002, der als Kopf an Kopf gerahmt und kategorisiert war, ist eine „Erzeugung“ einer bestimmten Denk-Ordnung: In dieser werden Phänomene und Verhältnisse gedeutet und im Rahmen der symbolischen Ordnung interpretiert. Die Meinungsforschung liefert die „wissenschaftliche“ Legitimation für Infotainment bzw. Politainment (Politik bzw. Information und Unterhaltung). Kennzeichnend für ein diskursives Schema ist, dass dieses als optional zu sehen ist. D.h. es ist Ausdruck einer Interpretation und nicht Ausdruck von Wirklichkeit. Denn Diskurse sind Prozesse der Macht und der Reproduktion von Macht und als solche n icht wahr oder richtig, sondern von Interessen dominiert.

Wie sonst ist es zu interpretieren, wenn Peter A. Ulram des ÖVP-nahen Meinungsforschungsinstitutes Fessel-GfK am 19. November 2002 über die APA ausrichtet, dass er zwar seine Daten vor der Wahl nicht publiziere, aber dass die beiden Großparteien noch zulegen würden, während die kleineren verlieren. Die internen Daten von Fessel-GfK, die nach der Wahl veröffentlicht wurden, zeigen aber eine andere Tendenz: einen sich seit ein paar Wochen abzeichnenden Anstieg der ÖVP und einen Rückgang der SPÖ.

Tabelle I.1: Wahlabsichten im Trend


In Prozent wollen wählen

SPÖ

ÖVP

FPÖ

Grüne

Sonstige

Track 1+2: 1.-10.10.

37

36

13

11

3

Track 2+3: 8.-16.10.

37

36

13

11

3

Track 3+4: 15.-24.10.

37

37

12

11

3

Track 4+5: 23.-29.10.

37-38

37-38

10-11

11-12

2

Track 5+6: 28.10.-5.11.

38-39

39-40

10-11

10-11

2

Track 6+7: 4.-12.11.

38-39

39-40

10-11

10-11

2

Track 7+8: 11.-14.11.

38-39

39-40

9-10

10-11

2

Track 8+9: 13.-20.11.

38-39

40-41

10-11

9-10

1-2

Track 9+10: 18.-21.11.

37-38

40-41

10-11

9-10

1-2

Wahlergebnis

36,5

42,3

10,0

9,5

1,7



Anmerkung: Hochgeschätzte Wahlabsichten auf Basis deklarierter Präferenzen (Rohdaten) mittels Zurechnung der Antwortverweigerer.
Fettgedruckte Prozentwerte = tendenzielle Erwartungswerte im Rahmen der statistischen Unschärfen.

Quelle
: Fessel-GfK, Telefonisches Track Polling 2002 (insgesamt N=6.000 Interviews; zitiert nach Plasser/Ulram/Sommer (2003, 30)





Zitierte Literatur

Berg, Thomas, Hrsg. (2002): Moderner Wahlkampf. Blick hinter die Kulissen. Opladen: Leske und Budrich.

Bourdieu, Pierre (1993): Die Öffentliche meinung gibt es nicht. In: Soziologische Fragen. 1. Auflage, Frankfurt am Main: edition suhrkamp, 212-223.

Brettschneider, Rudolf (1997): Publizierte Umfragen sind längst zu einem Wahlkampfmittel geworden.

Donati, Paolo R. (2001): Die Rahmenanalyse politischer Diskurse. In: Reiner Keller u.a. (Hrsg.): Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse. band 1. Theorien und Methoden. Opladen: Leske und Budrich, 145-176.

Kaase, Max (1998): Demokratisches System und die mediatisierung von Politik. In: Ulrich Sarcinelli (Hrsg.): Politikvermittlung und Demokratie in der Mediengesellschaft. Beiträge zur Politischen Kommunikationskultur. Opladen:/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 24-51.

Keller, Felix (2001): Archäologie der Meinungsforschung. Mathematik und die Erzählbarkeit des Politischen. Konstanz: UVK.

Luhmann, Niklas (1970): Öffentliche Meinung. In: Politische Vierteljahresschrift, 11. Jahrgang, Heft 1, März 1970, 2-28.

Machnig, Matthias, Hrsg. (2002): Politik – Medien – Wähler. Wahlkampf im Medienzeitalter. Opladen: Leske und Budrich. McDermott, Monika L. and Kathleen A. Frankovic (2003): Poll Review: Survey Methods and Horserace Polling. In: Public Opinion Quarterly, Vol. 67, 244-264.

Plasser, Fritz, Peter A. Ulram und Franz Sommer (2003): Kampagnendynamik, Mediahypes und Einfluss der TV-Konfronattionen 2002. In: Fritz Plasser, Peter Ulram und Günther Ogris (Hrsg.): Wahlverhalten in Bewegung. Analysen zur Nationalratswahl 2002. Wien: WUV, 19-54.

Sarcinelli, Ulrich und Alexander Geisler (2002): Die Demokratie auf dem Opferaltar kampagnenpolitischer Aufrüstung? Anmerkungen zur Modernisierung von Wahlkampfkommunikation. In: Matthias Machnig (Hrsg.): Politik – Medien – Wähler. Wahlkampf im Medienzeitalter. Opladen: Leske und Budrich, 153-165.

Schoen, Harald (2002): Wirkung von Wahlprognosen auf Wahlen. In: Thomas Berg (Hrsg.): Moderner Wahlkampf. Blick hinter die Kulissen. Opladen: Leske und Budrich, 171-192.


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