Aus: Sieglinde Katharina Rosenberger und Gilg Seeber: Kopf an Kopf. Meinungsforschung im Medienwahlkampf. Wien: Czernin Verlag 2003.



VI. MEHR ALS EIN SPIEL: EFFEKTE UND WIRKUNGEN

„Hatte Allensbach arglistig die Öffentlichkeit getäuscht, ihr seit Monaten ein Kopf-an-Kopf-Rennen vorgespielt?“
Diese Frage formuliert Elisabeth Noelle-Neumann in Die Schweigespirale (2001, 13). Als Meinungsforscherin hatte sie im Bundestagswahlkampf 1965 ein knappes Rennen vorausgesagt. Die Zeit brachte wenige Tage vor der Wahl ein Interview mit ihr, bei dem sie ein Kopf-an-Kopf-Rennen skizzierte. Noelle-Neumann beschreibt in ihrem Buch, weshalb damals die Meinungsforschung an der Erforschung der öffentlichen Meinungen scheiterte. Interessant ist, dass sie vom Vorwurf der arglistigen Täuschung ausgeht – den sie in der Folge widerlegt.


VI.1 Manipulation ist nicht die Absicht, möglicherweise aber Resultat

Publizierte Meinungsumfragen sind oft „schnelle Umfragen“, (Noelle-Neumann/Petersen 1996), mit relativ geringem finanziellem Aufwand durchgeführt. Die Motive für die Erstellung sind sowohl auf der Seite der nachfragenden Medien als auch auf der Seite der erhebenden Institute eher geschäftlicher Art. Die Zeitungen wollen mit spannenden News in unterhaltsamer Weise Seiten füllen, die Marktforschungsinstitute sind an Medienpräsenz als Möglichkeit günstiger Public Relations (PR) interessiert. Beeinflussungen und Effekte, wenn diese auch nicht-intendiert sind, gehen mit der Koalition von medienzentrierter Meinungsforschung und umfrageorientierten Geschichten zweifelsohne einher. Die einseitige Deutung von Politik als Wettrennen, für die die Demoskopie das Konstrukt öffentliche Meinung herstellt, wirkt auf persönliche Wahlentscheidungen und auf Wahlkampfführungen der Parteien in mehrfacher Weise.

Ganz anders gelagert sind die Interessen der nicht publizierten bzw. nur selektiv durchsickernden Umfrageergebnisse, deren Auftraggeber politische Parteien sind. Hier muss von einer „taktischen Selektivität der Parteizentralen bei der Veröffentlichung ausgewählter Datenbilder“ (Plasser/Ulram/Sommer 2003, 41) ausgegangen werden. Der Zweck ist die Intervention ins öffentliche Meinungsklima nach parteipolitischen Erwägungen. Nicht alleine die Medienpräsenz ist erstrebenswert, sondern die Chance an der Gestaltung der öffentlichen Meinung teilzuhaben bzw. mit Hinweisen auf öffentliche Meinung Wahlkampfstrategien zu realisieren.

Die partei- wie demokratiepolitisch relevante Frage, die in diesem Zusammenhang immer wieder auftaucht, lautet, ob sich ein im Wesentlichen durch Umfragen hergestelltes Meinungsklima auf individuelle Wahlentscheidungen auswirkt oder nicht und wenn ja, in welche Richtung. Mit anderen Worten: ob ein sonntagsfrage-induziertes Meinungsklima mehr ist als Unterhaltung und Spaß am politischen Wettrennen.

In der Politik- und Kommunikationswissenschaft wird diese Frage eindeutig beantwortet, nämlich mit Ja. In der Branche der kommerziellen Meinungsforschung (die die veröffentlichte Meinung zu dieser Frage dominiert) hingegen, wird dieser Frage oft ausgewichen bzw. die Bedeutung gerne heruntergespielt. Es wird beteuert, dass die Wirkungen klein seien, dass sich die unterschiedlichen Ergebnisse in ihrer Wirkung gegenseitig aufheben würden, und überhaupt, dass eigentlich nicht bekannt sei, in welche Richtung Umfragen wirken würden.1 Diesen Aussagen ist die Annahme unterlegt, dass unterschiedliche Umfrageergebnisse in der Debatte präsent sind. Gerade diese Annahme trifft bei einer Prognose des Kopf an Kopf, auf die sich nahezu alle publizierten Meinungsforschungsergebnisse einigten, nicht mehr zu.

MeinungsforscherInnen mit Medienpräsenz geben vor, keine politische Rolle zu spielen. Sie geben auch vor, nicht in die Nähe politischer Verantwortung kommen zu wollen und würden deshalb eher bestimmte Informationen zurück halten (siehe Chronologie im Anhang).

Das beredte Schweigen der Branche über allfällige Wirkungen auf Parteienkonstellationen und Wahlentscheidungen geht manchmal über in die Rede der Aktivierung des politischen Interesses. Die Sonntagsfrage wird gerne als Motor politischer Aktivität dargestellt. Mit anderen Worten: Gemäß den MeinungsforscherInnen sollten die KonsumentInnen von Umfragen glauben, dass die Wirkungen gering seien, dass sie lediglich zur politischen Informationsvermehrung und zur Aktivierung beitrügen und dass sie natürlich der Unterhaltung dienten. Eine Vorsichtsmaßnahme in Zeiten großer Lagererosionen und WählerInnenmobilität ist – wie oben ausgeführt – die Wahlprognosen als Kopf an Kopf zu formulieren Dadurch können die unmittelbaren Wirkungen auf einzelne politische Parteien eher klein gehalten bzw. werden im Falle einer Fehlprognose minimiert.

Die unmittelbare Wirkung auf die individuelle Meinungsbildung und auf die Bereitschaft zu wählen, ist lediglich eine Dimension, die in diesem Zusammenhang relevant ist. Diskutiert werden auch indirekte Wirkungen des horse race, die im Bereich der Politikdarstellung sowie der Strukturen des politischen Systems liegen.

Im folgenden werden wir Wirkungen und Effekte einer Kopf an Kopf-ausgerichteten Politikvermittlung diskutieren. Wir nehmen die in der akademischen Literatur vorgenommene Unterscheidung in direkte Wirkungen (hinsichtlich Wahlverhalten) und indirekte Wirkungen (hinsichtlich Politikverständnis und Wahlkampf) auf.


VI.2 Indirekte Wirkungen: Die Deutung des Politischen

Umfragediskurse werden hegemonial (Hirseland/Schneider 201, 390). Sie weiten sich aus, dominieren das Feld der Wahrnehmungen und Sichtweisen durch eine sportive, neue und vielleicht gar totalisierende Beschreibung der politischen Welt.

Im deutschen Wahlkampf 2002 wurde die wachsende Rolle der Meinungsforschung bereits als politisches Ersatzthema diskutiert. Auch in Österreich ist eine deutliche Zunahme der Berichterstattung mit Bezug auf Meinungsforschungsergebnisse zu konstatieren. In diesem Sog wird die Meinungsforschung selbst zum Thema. Ein Beispiel für diese Tendenz ist etwa, dass Meinungsforscher zu einer Pressekonferenz über Meinungsforschung laden und in der Folge dann tagelang über dieses selbstreferentielle Ereignis berichtet wird (siehe Chronologie).

Informationen über entscheidungsrelevante Themen, die Voraussetzung für rationales Wählen sind, speisen sich aus redaktionellen Beiträgen, die auf politischen Umfragen basieren. Beobachtungen zufolge dürfte sich im Nationalratswahlkampf 2002 die Berichterstattung zu 60 Prozent auf Umfragen und Koalitionsspekulationen bezogen haben. Die Umfrageberichterstattung war in ein Schema des Kopf an Kopf-Rennens gegossen. Dieses Wahrnehmungsmuster führt vor, wie über Politik gedacht, geschrieben und gesprochen wird, nämlich als Sportereignis, das sich eher als Show, denn als ernster Prozess der Machtzuteilung versteht (vgl. Berg 2002; Bretschneider 1996; Kaase 1994).

Der horse race-Journalismus ist auf Personen und deren Image zugeschnitten. Mit der Deutung der Politik als Wettrennen bekommt das Politische mehr denn je ein „Gesicht“. Es geht, so der Politikwissenschafter Thomas Meyer (2001, 154) kaum „je um den Wettbewerb politischer Programme und Ideen, die etwa zuvor unter breiter Bürgerbeteiligung in den großen Parteien erarbeitet worden wären...“ Damit wird einmal mehr die Bedeutung der Berichterstattung über Sachthemen und politische Themen relativiert. Die Orientierung an Köpfen steigert das Interesse am Ranking der KandidatInnen bzw. der Parteien, ohne dass damit notwendigerweise auch informiert werden würde, welche Sachthemen und Ideologien hinter diesen Köpfen stehen.

Die Dominanz der demoskopisch ausgerichteten Umfrageberichterstattung und ihre Verknappung als Kopf an Kopf wird als Seichtheit und als Ablenkung von politischen Inhalten kritisiert. Die Umfragekommunikation reduziere politische Themen und Problemstellungen darauf, was sich mit den einfachen Methoden des Umfragebusiness erfragen lasse. (1999/2000) sieht in dieser Tendenz eher eine Verkürzung denn eine Erweiterung der öffentlichen Debatten.

Die im Sog der Sonntagsfrage stehende Kopf an Kopf-Berichterstattung konzentriert sich auf SpitzenkandidatInnen und in Mehrparteiensystemen zusätzlich auf Lager- und Koalitionsspekulationen. Auch die Zustimmung bzw. Ablehnung von Koalitionsvarianten lässt sich relativ einfach abfragen, passt ins methodische und thematische Konzept der Sonntagsfrage. Mit dieser Realitätswahrnehmung können unmittelbare Effekte einhergehen. Eine Kopf an Kopf-Rahmung kann dazu veranlassen, dass weniger die politische Bewertung der zurückliegenden Regierungs- und Parlamentsarbeit die Wahlentscheidung bestimmt, sondern dass eher der Wunsch nach einer bestimmten zukünftigen Parteienkonstellation überwiegt (Müller 2002).

Die Personalisierung des Politischen ist nicht neu, sie ist vielmehr bereits Ergebnis der Bedeutungszunahme der Bildmedien (Brettschneider 2002). Durch die aktuelle Umfragekonjunktur in den Printmedien erfährt sie aber einen z usätzlichen Schub und eine quantitative Ausweitung. Trat die Personalisierung bisher stark in Zusammenhang mit der Telepolitik auf, so erfasst diese durch das „joint venture“ nun auch die Printmedien.

In Österreich bedeutet - vor dem Hintergrund der Parteiendemokratie, des Verhältniswahlrechts und der Lagerkultur der Zweiten Republik - die Relativierung der Parteienorganisationen und die Reaktivierung des politischen Lagerdenkens eine relevante Verschiebung in den Strukturen des politischen Systems. Die Parteiorganisationen verlieren zugunsten der SpitzenkandidatInnen, das Lagerdenken taucht nach kurzer Unterbrechung auf der diskursiven Ebene wieder auf. Kopf an Kopf reaktiviert die zwei Lager, wo doch eben erst die mittlerweile vier etablierten Parteien die traditionelle Lagerkultur zum Erodieren gebracht hatten.

Die Lagerthematik scheint einem allgemeinen Muster von politischen Systemen mit Verhältniswahlrecht zu folgen: Die Kopf an Kopf-Rhetorik hatte auch die Niederlande als Polarisierung des politischen Spektrums in zwei Lager erfasst.

Kopf an Kopf ist ein politisches Differenz-Prinzip, das zwei (und nur) zwei Alternativen kennt. Dieses Prinzip verlangt nach zwei Köpfen bzw. nach zwei konkurrierenden Personen bzw. nach zwei konkurrierenden Lagern (bestehen in Österreich aufgrund des Mehrparteiensystems aus Koalitionen). Die Lagerthematik hat im Wahlkampf 2002 eine nicht unwesentliche Rolle gespielt. SPÖ und Grüne formulierten während der Legislaturperiode ihre Kritik am Lager der Regierungskonstellation von ÖVP/FPÖ ; während des Wahlkampfes warnten ÖVP und FPÖ vor dem linken Lager einer SPÖ/Grüne-Regierung. Bundeskanzler Wolfgang Schüssel lehnte bereits zu Beginn des Wahlkampfes eine Koalition mit der SPÖ ab („Rot-Schwarz wäre der Stillstand“2) und kündigte die Fortführung der Koalition mit der FPÖ (die in dieser Zeit in heftigen Turbulenzen war) an. Der Kanzler argumentierte lagerkonform. Medien berichteten in der Folge von einer Richtungsentscheidung zwischen ähnlich starken Lagern, wodurch die jede einzelne Stimme aufgewertet werden würde.3
Neben der Personalisierung von Politik entspricht einer Kopf an Kopf-Situation, dass die politische Bühne metaphorisch in eine Arena des Sports transformiert wird und die politische Auseinandersetzung um die Legitimation von Macht (Wahl) die Gestalt eines Olympiabewerbes, eines Boxkampfes, eines 100-Meter-Laufes, eines Fußballsspiels etc. annimmt.

Charakteristisch für Kopf an Kopf ist: Erstens die ausgeprägte Personalisierung auch in den Printmedien und zweitens eine Darstellung der PolitikerInnen als Sportler und Boxer, als Läufer und Fußballspieler.


VI.3 Direkte Wirkungen: Wahlentscheidung und Wahlbeteiligung

Elisabeth Noelle-Neumann (2001) hat mit der sog. Schweigespirale der Debatte um direkte Effekte der öffentlichen Meinung einen interessanten Impuls gegeben. Die Schweigespirale bezieht Umweltwahrnehmungen in die individuelle Meinungsbildung ein. Sie deutet an, dass das durch Meinungsforschung und Medien (insbesondere durch das Fernsehen) hergestellte Meinungsklima die persönliche Meinungsbildung und somit auch die Wahlentscheidung beeinflussen kann. Konkret besagt die Schweigespirale, dass von der Siegeserwartung, die sich erst mit Hilfe der öffentlichen Meinung bildet, ein Einfluss auf die Wahlentscheidung ausgehen kann. Dabei tritt das Phänomen eines „dualen Meinungsklimas“ auf: Weil Menschen, so die These, sich nicht isolieren wollen, schweigen sie eher als dass sie ihre abweichende Meinung gegenüber der Öffentlichkeit (bzw. den UmfragerInnen) äußern.

Neben der Schweigespirale werden in der Literatur im wesentlichen zwei Effekte einer demoskopisch hergestellten öffentliche Meinung genannt (Donsbach 1993; Donsbach 2002):

Bandwagon-Effekt: Dieser geht davon aus, dass Menschen eher auf der Seite der prognostizierten SiegerInnen stehen wollen und daher tendenziell einen „gewinnenden“ Kopf unterstützen (dies muss nicht der erste Platz sein). Umfragen, die eine Partei/eine Person als erste platzieren, können den Effekt einer Aufwärtsbewegung stimulieren. Relevant wird dieser Effekt in einer Situation, in der das Wechselwählen modern ist, viele unentschlossene WählerInnen auf dem Markt zu haben sind oder strategisch gewählt wird.

Underdog-Effekt: Diese Wirkungsvermutung besagt, dass Menschen in einer bestimmten Situation an einem Ausgleich interessiert sind, dass sie Mitleid zeigen und daher ein prognostizierter Verlust bzw. eine Niederlage für diese Person/Partei durchaus mobilisierend und unterstützend sein kann. Gerade bei Unentschlossenen und strategischen WählerInnen wird angenommen, dass sie sich im Laufe einer Kampagne in dieser Weise verhalten können. Dahinter steht die Annahme, dass WählerInnen den Sieg einer Partei eher geringer halten wollen.

Tabelle VI.1: Wirkungshypothesen


Land

Wirkung auf..

Begünstigte Gruppe

Bandwagon

Stimmabgabe

Stärkere Partei

Underdog

Stimmabgabe

Schwächere Partei

Defätismus

Wahlbeteiligung: Anhänger schwächerer Partei wählen nicht mehr

Stärkere Partei

Lethargie

Wahlbeteiligung: Anhänger stärkerer Partei wählen nicht mehr

Schwächere Partei

Mobilisierung

Wahlbeteiligung: Anhänger einer oder beider Parteien beteiligen sich stärker

Stärkere, schwächere oder beide Parteien

Fallbeil

Stimmabgabe: Anhänger kleiner Parteien wählen für Zweitpräferenz

Größere Parteien

Ermöglichungstaktik

Stimmabgabe: Anhänger irgendwelcher Parteien wählen für Zweitpräferenz um Koalition zu ermöglichen

Die anderen Parteien

Verhinderungstaktik

Anhänger irgendwelcher Parteien wählen für Zweitpräferenz, um Mehrheit zu verhindern

Die anderen Parteien


Quelle: Donsbach (2002)


Sowohl die bandwagon-These als auch die underdog-These ziehen in Betracht, dass ein bestimmtes Segment von WählerInnen eher auf Ergebnisse von Meinungsumfragen, also auf veröffentlichte Stimmungen von anderen reagiert, als ihre Wahlentscheidung aufgrund von Informationen über Leistungsbilanzen der Parteien oder Kompetenzen der KandidatInnen ausrichtet.

Tabelle VI.2: Subjektiver Einfluss der Veröffentlichung von Meinungsforschungsergebnissen für die persönliche Wahlentscheidung (Selbsteinschätzung) – Nationalratswahlen 1999 und 2002


1999

2002

In Prozent der Befragten wurden

stark beeinflusst

eher beeinflusst

nicht beeinflusst

stark beeinflusst

eher beeinflusst

nicht beeinflusst

Frauen

3,6

17,8

80,0

2,2

17,8

80,0

Männer

3,6

16,2

80,2

3,2

18,3

78,4

Frauen und Männer

3,6

15,9

80,5

2,7

18,1

79,3

Quelle: FESSEL+GfK, Exit Poll zur Nationalratswahl 1999 und 2002; eigene Berechnungen


Ein Fünftel der WählerInnen haben sich nach eigener Einschätzung sowohl 1999 als auch 2002 von Meinungsumfragen beeinflusst gefühlt. 2002 gaben Männer etwas deutlicher als Frauen eine Beeinflussung an. Diese Selbsteinschätzung unterstreicht eine Wirkung von Meinungsforschungsergebnissen auf Wahlverhalten – die Richtung ist daraus nicht ablesbar.

Tabelle VI.3: Subjektiver Einfluss der Veröffentlichung von Meinungsforschungsergebnissen für die persönliche Wahlentscheidung (Selbsteinschätzung) nach gewählter Partei, Nationalratswahl 2002

In Prozent der Befragten wurden

stark beeinflusst

eher beeinflusst

nicht beeinflusst

Geschlecht

gewählte Partei




Frauen

ÖVP

2,5

18,3

79,2


SPÖ

2,0

17,5

80,5


FPÖ

0,0

16,3

83,7


Grüne

3,4

18,9

77,6

Männer

ÖVP

3,6

18,8

77,6


SPÖ

3,7

18,1

78,2


FPÖ

2,2

16,8

81,0


Grüne

1,5

21,6

76,9

Frauen und Männer

ÖVP

3,1

18,6

78,4


SPÖ

2,7

17,7

79,6


FPÖ

1,3

16,6

82,1


Grüne

2,6

20,0

77,4

Quelle: Fessel-GfK, Exit Poll zur Nationalratswahl 2002; eigene Berechnungen



Auf der Grundlage von Exit Polls 2002 lassen sich FPÖ-WählerInnen relativ am wenigsten von Meinungsumfragen „beirren“, Grüne-WählerInnen hingegen relativ gesehen am meisten.

Tabelle VI.4: Subjektiver Einfluss der Veröffentlichung von Meinungsforschungsergebnissen für die persönliche Wahlentscheidung (Selbsteinschätzung) nach politischen Mobilitätstypen; Nationalratswahl 2002

In Prozent der Befragten wurden

stark beeinflusst

eher beeinflusst

nicht beeinflusst

Geschlecht

Politischer Mobilitätstyp




Frauen

Stammwählerinnen

1,5

17,0

81,4


verunsicherte Stammwählerinnen

0,9

18,7

80,5


verunsicherte Wechselwählerinnen

3,7

23,3

73,1


Wechselwählerinnen

4,6

15,1

80,3

Männer

Stammwähler

3,5

15,4

81,1


verunsicherte Stammwähler

3,7

25,8

70,6


verunsicherte Wechselwähler

2,3

15,7

82,1


Wechselwähler

3,1

17,7

79,2

Frauen und Männer

StammwählerInnen

2,4

16,3

81,3


verunsicherte StammwählerInnen

2,2

22,0

75,9


verunsicherte WechselwählerInnen

3,1

19,8

77,1


WechselwählerInnen

3,8

16,4

79,8

Quelle: Fessel-GfK, Exit Poll zur Nationalratswahl 2002; eigene Berechnungen

Begriffsdefinition: StammwählerInnen, die auch im Wahlkampf in keiner Phase kurzfristig an die Wahl einer anderen Partei gedacht haben; verunsicherte StammwählerInnen, die im Wahlkampf auch kurzfristig an die Wahl einer anderen Partei gedacht haben; verunsicherte WechselwählerInnen, die im Wahlkampf auch kurzfristig an eine andere als die dann definitiv gewählte präferierten; WechselwählerInnen, deren Wechselentscheidung vom Beginn des Wahlkampfs an fest stand (Plasser/Ulram/Seeber 1996).
Basis: WählerInnen, die für eine der im Parlament vertretenen Parteien gestimmt haben und bei der NRW 1999 wahlberechtigt waren.



Wenig überraschend ist, dass, entsprechend der Selbsteinschätzung, StammwählerInnen angeben, weniger durch publizierte Umfragen beeinflusst zu werden als dies WechselwählerInnen tun. Bei den Frauen sind es die sog. verunsicherten Wechselwählerinnen, die sich stärker beeinflusst fühlen, bei den Männern hingegen die sog. verunsicherten Stammwähler.

Wer sind VerliererInnen dieses Spiels zwischen Medien und Meinungsforschung? Was ist mit den strategischen WählerInnen, die ihre individuelle Wahlentscheidung vom „Wissen“, das sie aus Umfragen beziehen, abhängig machen?

Wahlprognosen sind bedeutsam für sog. strategisches Wählen. Der Begriff „strategisches Wählen“ bringt zum Ausdruck, dass WählerInnen ihre Wahlentscheidung nicht nur aufgrund von ideologischen Haltungen, Themen und Personen abhängig machen, sondern dass diese Entscheidung auch von den erwünschten bzw. erwarteten Mehrheits- und Regierungskonstellation abhängig gemacht wird. Dieses strategische Handeln mag zwar subjektiv als die zweitbeste Option identifiziert werden, im Hinblick auf die prospektive Parteienkonstellation gilt diese Entscheidung aber als die wichtigste. Strategisches Stimmverhalten setzt eine Kenntnis der öffentlichen Meinung bzw. von Wahlabsichten anderer voraus und bedingt in gewisser Weise Meinungsumfragen, oder anders formuliert: Erst die Existenz von Meinungsumfragen ermöglicht strategisches Wählen.

Im Nationalratswahlkampf 2002 spielten Lager- und Koalitionsaussagen sowohl auf der Seite der politischen Parteien als auch im medialen Kopf an Kopf-Rennen eine zentrale Rolle. Diese Deutung dürfte sich bei den WählerInnen nieder geschlagen haben. Christoph Hofinger von SORA wird im Standard vom 22. November 2002, also wenige Tage vor der Wahl, zitiert: „...rund 20 bis 30 Prozent der einfachen Wähler fällen ihre Wahlentscheidung nach taktischen Überlegungen ... Aufgrund von Meinungsumfragen und Gesprächen im Freundeskreis sehen diese Wähler ein Gemälde vor sich, wie die Wahl ausgehen wird. In dem Gemälde haben sie zwar eine Lieblingsfarbe – versuchen aber andererseits, die Proportionen der Farben zueinander in ihrem Sinn zu korrigieren.“ Koalitionsaussagen spielten bei taktischen WählerInnen eine wesentliche Rolle, so eine weitere Aussage Hofingers.

Das Risiko der strategischen WählerInnen hängt von der Qualität und Seriosität der Wahlprognosen ab. David Pfarrhofer, market, dazu ebenfalls im Standard derselben Ausgabe: „Wenn die Umfragen nicht stimmen, stimmt natürlich auch die zurechtgelegte Taktik nicht. Daher birgt das taktische Wählen das Risiko, sich nachher zu ärgern“.

Exakt an diesem Punkt beginnt das Spiel mit der Sonntagsfrage, das anscheinend ohnehin niemand so recht glücklich zu machen scheint, aber kontinuierlich weiter gespielt wird, demokratiepolitisch ernst zu werden. Die Salzburger Nachrichten titeln „Von der Wählertäuschung zur Publikumsunterhaltung“1. Nicht dass die strategischen WählerInnen selbst angeben würden, dass sie sich von Meinungsumfragen beeinflussen lassen, wesentlich ist, dass diese Entscheidungen die Wahlprognosen als Informationen bedingen.

Nimmt das demoskopisch-mediale Kopf an Kopf – selbst wenn es dieses in den Daten nicht gibt – eine Täuschung einer ziemlich großen Gruppe, nämlich der strategisch Wählenden auf die leichte Schulter?

Die Voraussage eines knappen Ergebnisses kann kleine Parteien auch zum Scheitern an der parlamentarischen Einstiegshürde bringen. Dieser sog. Fallbeil-Effekt war bei der Nationalratswahl 1999 zu beobachten als Kommentare aufgrund von Sonntagsfragen dem LIF immer und immer wieder ein knappes Ergebnis voraussagten. Eine Stimme für das LIF konnten bzw. mussten WählerInnen als „weggeworfene Stimme“ wahrnehmen. Tatsächlich schaffte das LIF den Einzug in den Nationalrat nicht mehr.

Eine direkte Wirkung eines prognostizierten Kopf an Kopf-Matches könnte schließlich im Bereich der Wahlbeteiligung zu verorten sein. Eine Kopf an Kopf-Situation hält den Wahlausgang offen und weckt das Interesse für Politik, motiviert WählerInnen und mobilisiert FunktionärInnen, sich für ihre Partei verstärkt zu engagieren. Denn es kommt schließlich auf jede Stimme an! Ein Blick auf sehr knappe Wahlergebnisse macht diese Rede auch tatsächlich plausibel: In den USA haben bei den Präsidentschaftswahlen 2000 vergleichsweise wenige Stimmen über den Präsidenten ebenso wie bei den Bundestagswahlen in Deutschland 2002 über die Regierungskonstellation entschieden. Bei der österreichischen Nationalratswahl 2002 ist nach Umfragen von Fessel-GfK das politische Interesse gewachsen (Plasser/Ulram/Sommer 2003, 24). Ob dies alleine auf horse race zurück zu führen ist, darf aber stark bezweifelt werden.

Die Rahmung als Kopf an Kopf, die das politische Interesse stärkt und aktiviert, kann sich positiv auf die Wahlbeteiligung auswirken. Die faktische Wahlbeteiligung kann als Indikator herangezogen werden. In Österreich wurde 2002 der seit den 1980er Jahren vorhandene Trend der sinkenden Wahlbeteiligung gestoppt - ohne jedoch den Wert von 1995 wieder zu erreichen (1995 betrug die Wahlbeteiligung 86,1 Prozent; 1999 lag sie bei 80,4 Prozent und 2002 schließlich bei 84,3 Prozent). Demgegenüber ist in Großbritannien 2001, als der Sieg von Tony Blairs Labour Party im Vorfeld schon als sicher galt, die Wahlbeteiligung weiter gesunken.

Wenn wir nach dem Interesse von politischen Parteien an einer Kopf an Kopf-Politikvermittlung, die wie oben gezeigt, mobilisierend wirkt, fragen, dann ist in Erwägung zu ziehen, welche politischen Parteien eher von einer niedrigen bzw. eher von einer höheren Wahlbeteiligung profitieren bzw. nachteilig betroffen sind. Diese Überlegung ist zu berücksichtigen, wenn es darum geht, abzuschätzen, welche Parteien ein Interesse an Kopf an Kopf haben und welche eher nicht.

Konsequenzen der als öffentliche Meinung verkleideten demoskopischen Befunde werden insbesondere bei Inhalten und Formen des Wahlkampfverlaufes vermutet. Zu diesen Auswirkungen von Umfragen auf Wahlkampfstrategien und über Re-Aktionen der politischen Parteien auf die (Schein-) Existenz der öffentlichen Meinung verweisen wir auf die Ausführungen des nächsten Kapitels.



Zitierte Literatur


Berg, Thomas, Hrsg. (2002): Moderner Wahlkampf. Blick hinter die Kulissen. Opladen: Leske und Budrich.

Brettschneider, Frank (1996): Wahlumfragen und Medien – Eine empirische Untersuchung der Presseberichterstattung über Meinungsumfragen vor den Bundestagswahlen 1980 bis 1994. In: Politische Vierteljahresschrift 37, 475–493.

Brettschneider, Frank (2002): Spitzenkandidaten und Wahlerfolg. Personalisierung - Kompetenz - Parteien. Ein internationaler Vergleich. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Donsbach, Wolfgang (1993): Inhalte, Nutzung und Wirkung politischer Kommunkation. Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft 22, 389-408.

Donsbach, Wolfgang (2002): Gutachten. In: Bericht der parlamentarischen Enquete-Kommission betreffend mögliche Beeinflussung von Wahlkämpfen bzw. Wahlergebnissen durch Veröffentlichung von Meinungsumfragen unmitelbar vor Wahlen bzw. durch Bekanntgabe von Teilwahlergebnissen vor dem amtlichen Wahlende. 1004 der Beilagen zu den Stenographischen Protokollen des Nationalrates XXI. GP, 49–70.

Hirseland, Andreas und Werner Schneider (2001): Wahrheit, Ideologie und Diskurse. Zum Verhältnis von Diskursanalyse und Ideologiekritik. In: Reiner Kelle u.a. (Hrsg.): Handbuch sozialwissenschaftlicher Diskursanalyse. Band 1: Theorien und Methoden. Opladen: Leske und Budrich, 373–402.

Kaase, Max (1998): Demokratisches System und die mediatisierung von Politik. In: Ulrich Sarcinelli (Hrsg.): Politikvermittlung und Demokratie in der Mediengesellschaft. Beiträge zur Politischen Kommunikationskultur. Opladen:/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 24-51.

Kovach, Bill (1999/2000): The Impact of Public Opinion Polls. Nieman Reports. The Nieman Foundation for Journalism at Harvard University. Double Issue, Vol. 53 No. 4 Winter 1999.

Meyer, Thomas (2001): Mediokratie. Die Kolonisierung der Politik durch die Medien. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Müller, Wolfgang C. (2002): Gutachten. In: Bericht der parlamentarischen Enquete-Kommission betreffend mögliche Beeinflussung von Wahlkämpfen bzw. Wahlergebnissen durch Veröffentlichung von Meinungsumfragen unmitelbar vor Wahlen bzw. durch Bekanntgabe von Teilwahlergebnissen vor dem amtlichen Wahlende. 1004 der Beilagen zu den Stenographischen Protokollen des Nationalrates XXI. GP, 13–16.

Noelle-Neumann, Elisabeth (2001): Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung – unsere soziale Haut. München: Langen Müller (6. Auflage).

Plasser, Fritz, Peter A. Ulram und Gilg Seeber (1996): (Dis-)kontinuitäten und neue Spannungslinien im Wählerverhalten: Trendanalysen 1986–1995. In: Fritz Plasser, Peter Ulram und Günter Ogris (Hrsg.): Wahlkampf und Wählerentscheidung. Analysen zur Nationalratswahl 1995. Wien: Signum, 85-118.

Plasser, Fritz, Peter A. Ulram und Franz Sommer (2003): Kampagnendynamik, Mediahypes und Einfluss der TV-Konfrontationen 2002. In: Fritz Plasser und Peter A. Ulram (Hrsg.): Wahlverhalten in Bewegung, Analysen zur Nationalratswahl 2002. Wien: WUV, 19-54.


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